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10. Finnland Marktreise 2019

Geschrieben von Carl on July 19, 2019

So, ich probiere eine neue Darstellungsform aus, denn bisher habe ich immer auf der DFG-Seite, (Deutsch-Finnische Gesellschaft > Forum > Landesverband Bayern > Finnisch im Allgäu), meine Finnland-Marktreisen mit Text begleitet und nur mit Bildern auf meiner web-Seite unter Blog.
Die DFG baut ihren Internetauftritt derzeit um und so kann ich jetzt dort nichts eintragen, also erstmals hier mit Photos und Text!

Heuer, 2019 ist es bereits meine 10. Marktrundreise in Finnland (minun kymmenes torikiertomatkani) mit Olivenöl von uns und unseren Nachbarn am Monte Amiata!

Seit all den Jahren hat die Reise dieselbe Struktur: Wir fahren ende Juni mit 2 Bussen auf die deutschen Nordmärkte nach Hamburg/Bremen/Walsrode/Oldenburg. 
Ich war diesmal in Hamburg, Jakob in Bremen/Oldenburg. Dann haben wir uns in Walsrode getroffen, Voll- und Leergut ausgetauscht und ich stellte mich vollgepackt auf die Fähre in Travemünde nach Helsinki. 
Die Fahrt dauert über rund 1300 km 29 Stunden!

Der relativ neue Hafen von Helsinki heißt Vuosaari.
Man fühlt sich gleich im Norden, weil das in der Eiszeit rundgeschliffene Urgestein optisch so dominant ist! Steine, Seen und Wälder ziehen sich durch ganz Finnland. Die Bäume sind wegen der dünnen Humusschicht allerdings meist nicht so stark wie in Deutschland. Daraus folgt einmal Papierindustrie und dann ausgereifte Technik, um Bauholz zu verleimen!

Meine Markttour beginnt in Espoo, geht weiter nach Lahti, Mikkeli, Savonlinna nach Joensuu in Karelien, Ostfinnland. 
In den letzten 4 Jahren bin ich dann quer durch´s Land nach Kaustinen gefahren, wo ich auf dem tollen Folk-Musik Festival immer etwas Gitarre spielen durfte! Auf dem Festival bin ich immer 2 Tage. 

Die "Finnmaid" vor Vuosaari

In Espoo/Sello hat es geschüttet! Blick aus meinem Stand.

Aber am nächsten Tag hat die Sonne dem Regen wieder verziehen.

Das Musikfestival in Kaustinen wurde letztes Jahr 50 Jahre alt und ist damit halb so alt wie Finnland. 
Es wurde um eine Musikschule herum gegründet und heute kommen dorthin Folk-Gruppen aus der ganzen Welt! Polnische Gruppen waren heuer da, russische, ein Wiener Chor, der auch in Kokkola auf dem Markt gesungen hat, letztes Jahr auch Portugiesen und auch Jorma Kaukonen hat dort schon gespielt! Und ich natürlich, stehe immer mit: "(DE)" im Programm. Aber halt nur auf kleinen Bühnen als Einzelner.
Auf einem Photo sehen wir das große Zelt hier bei der Eröffnungsveranstaltung, auf dem anderen Bild das Kaustiner Schulorchester mit auffallend vielen Harmoniums und im Hintergrund das Pelimannintalo, das Spielmannshaus, wo auch ich einen Auftritt hatte!

Hier hört man echte finnische Volksmusik, es gibt auch 2 Videos auf Youtube mit Antti Järvelä/Jamsession, es kommt aber unter Carl Wenning, weil ich es hochgeladen habe und durfte natürlich!

Freitag, 12.Juli 2019

Nach dem langen Markt in Kokkola vorgestern, er dauert ca. 14-16 Stunden, bin ich frei für 10 Tage.
Ich möchte auf die Lofoteninseln in Norwegen fahren und mich dort mit Verwandtschaftsurlaubern treffen.

Momentan stehe ich in Lappland am Ounasjärvi an der Nordseite des Nationalparkes "Pallas-Yllästunturi". Der Ylläs ist mit 718 m der dritthöchste Berg in Finnland. (der höchste ist der Kouddoskaisi mit 1242 m)
Auf der Südseite des Nationalparkes gibt es bei Kittilä auch eine Skiszene mit Liften und Schneekanonen und allem Drum und Dran! Die  Allgäuer würden vielleicht etwas die Nase rümpfen, aber für das überwiegend flache Finnland ist sowas ein Highlight. Ähnlich wie bei den Koli-Bergen am Pielinen See in Karelien kann man mal von oben über das Land und die Wälder schauen!

Von Rovaniemi aus bin ich den Ounasjoki entlang auf der Ostseite des Pallas-Nationalparkes hochgefahren.
Abseits der Hauptverkehrswege gibt es in Finnland auch immer noch Kiesstraßen. Ich fahre sie eigentlich sehr gerne, weil meist wenig Verkehr ist und man ein bißchen in den Hinterhof von Finnland schauen kann.
Zu dieser Jahreszeit auffallend sind immer die vielen in weißes Plastik eingewickelten Heuballen und natürlich die Lupinen am Straßenrand.
Jari sagt, daß es heuer ein behördliches Programm gibt, die Lupinen zurückzudrängen, weil sie sich überall dominant ausbreiten würden.

Mein Stand in Kokkola. Kokkola am Bottnischen Meerbusen ist 2-Sprachig, Finnisch und Schwedisch.
Hier muß ich meine Ölflaschen zusätzlich schwedisch etikettieren, diesmal händisch, weil mein Drucker grad nicht geht. Ich mußte ein Teil bestellen, das ich nächste Woche bei Jari abholen kann.

Jaris und Teijas frische Kartoffeln auf dem Markt.
Kartoffeln werden in Finnland pro Liter verkauft, also nach Volumen und nicht nach Gewicht! Ein Liter kostet da mal locker 5,- € !

Ein Skihang im südlichen Teil des Nationalparkes mit Schneekanonen und Plastikfolie zum Konservieren des Restschnees über den Sommer!
Finnland ist eigentlich ein schneearmes Land. Es hat Kontinentalklima. Die vom Westwind getragenen Wolken regnen schon an den relativ hohen Bergen in Norwegen ab!

Typische nordische lappländische Landschaft ohne Bäume. Im Hintergrund ein "Tunturi" - schönes Wort - ein vom Eis rundgeschliffener Berg.

Nettes kleines Bauerngehöft am See bei Hatta

Rentierfarm. Diese Gatter findet man immer wieder mal auf dem Weg nach Norden.

Straße nach Kilpisjärvi an der westlichsten Nordspitze Finnlands und Übergang nach Norwegen. Das Bild gehört eigentlich vor den Tunturi mit meinem Ducato.

Der Kilian hilft mir viel beim Finnisch lernen oder besser: Der Kilian lernt Finnisch!
Er läuft auf dem Markt herum und stellt sich wildfremden Menschen, meistens Kindern vor:
"Hei, minä olen Kilian, kuka sinä olet?"
Und dadurch ergeben sich Gespräche, die ich sonst nicht führen würde, z.B.:

- Miksi puhut niin hyvin Suomea?
- Koska tori on hyvää opettaja!
- Sitten minäkin täyttyy mene torille Saksaan!

Also:
- Warum sprichst Du so gut Finnisch?
- Weil der Markt ein guter Lehrer ist!
- Dann sollte ich auch in Deutschland auf den Markt gehen!

Mittlerweile gehen fast 100% der Gespräche auf Finnisch und natürlich schreibe ich immer weiter Worte und Sätze auf und frage immer nach!

Was ich mich schon seit letztem Jahr frage ist, wie Reis in die traditionellen karelischen Piirakkas kommt! 
Reis wächst nämlich nicht in Finnland, wie mir manche Leute versichert haben.
Aber die Eltern eines Kunden in Kuopio kommen aus Karelien und er sagt, daß der eigentliche Ursprung Gerstengraupen waren. Parallel gab es die Piirakka auch mit Kartoffeln und Porkana / Karotten. Der Reis kam durch Einfuhr erst später.
Heute sind mindestens 90 % der verkauften Piirakka "Ruiskuoripiirakka", also mit Reis!
Ich muß sie mal photografieren und zeigen.

Weil wir hier auf der Seite in Finnland sind, möchte ich meinen Ausflug auf die Lofoten nur streifen.
Die Lofoten-Inseln gehören zu Norwegen und mich hat überrascht, daß die bis über 300 km in die Nordsee hinausragen!
Ein landschaftliches "Must see" bedeutet aber auch entsprechend viele Touristen! Ein Camper neben dem anderen.
Das erste Photo zeigt eine kleine Hafeneinfahrt ganz im Westen.

Getrockneter Kabeljau - Stockfisch - ist ja bekannt, wie der trocknet, haben wir aber nur vor 2 Jahren in Bervelag gesehen. Es sind ca.3 m hohe Holzgestelle, an denen die Fische aufgehängt werden. Hier sind die Gestelle draußen in der Landschaft.
Aber, heute hängen da nur die Fischköpfe dran! Einen Arbeiter habe ich gefragt, was sie mit all den Fischköpfen machen?
Die werden nach Nigeria verkauft, als "Low price product with high quality protein". Es hängen da draußen wohl mehrere Zigtausend Fischköpfe mit einem Trockengewicht von einigen Tonnen! 

Von hier aus sind auch vor gut 1000 Jahren die Wikinger gestartet!
In Borg gibt es ein Wikingermuseum das als Haus dort schon früher stand! Sehr interessant!

Wenn man sich in Finnland etwas abseits bewegt, merkt man erst, was für eine Geräuschveränderung der Straßenverkehr schafft!
EinAuto hört man hier auf der Ostseite des Kemijoki, wo sonntags nur alle 1/4 Std. eines kommt, schon leicht eine Minute bevor es da ist.

(Bei 80 km/h: 80 : 60 Min. = 1,3 km vorher)

In Oulu lernte ich einen sehr netten interessanten Flohmarktverkäufer kennen, der für eine finnische HighTech-Firma gearbeitet hat, überall in der Welt unterwegs war und perfekt Deutsch spricht, ein paar Jahr älter als ich.
Er sagt, er habe das in der Schule gelernt. Die Frau vom Direktor sei Deutsche gewesen und sie - die Schüler - mußten sich in Reihe aufstellen und 1-2-1-2, jeder zweite mußte zur Frau Direktor zum Deutschunterricht! 
Heute sei er froh darüber, hat zeitweise in Deutschland gelebt und hat Freunde südlich von München.

Das Gespräch ging dann natürlich auch weiter über die EU und die Deutschlandpolitik, wir hatten Zeit in Oulu, ich sagte, daß ich Deutschland als ein schönes Land empfinde und es in Gesprächen immer verteidige, aber auch meine Probleme habe mit der derzeitigen aggressiven und undemokratischen Politik. ( die neue EU-Kommissarin war gerade wahllos eingesetzt).
Als wir auf die Rußlandproblematik kamen und die Waffenlieferungen nach Saudi Arabien, hat er sie sofort als Verbrechen bezeichnet.
Letztlich waren wir uns beide leicht einig, daß Deutschland als großer Akteur in Europa eine balancierende integrative statt einer sezernierenden Rolle einnehmen sollte.

Hier auf meiner Seite kann ich ja einen Schritt weiter gehen als auf der DFG-Seite! 
Wir sind so stolz auf unsere Aufklärung und den kategorischen Imparativ von Kant: "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde!" 
Aber die Kehrseite ist auch, daß jeder meint, er denke und handele so und müsse den anderen von seinen eigenen Ansichten überzeugen.
So schafft der Kant´sche Imparativ die Basis für Rechthaberei und Ausgrenzung Andersdenkender! Schon mal gedacht?

Brüder im Geiste gibt es im Norden wie im Süden und ich hoffe, daß ich die Kurzfassung unseres Gespräches auch in seinem Sinne wiedergegeben habe!

"Kalevala Koru" ist eine Schmuckfirma in Karelien, die in den 30er Jahren gegründet wurde zur Unterstützung der Frauen vor und nach dem Krieg und zur Versorgung der russischen Flüchtlinge durch die Gemeinden. Das Schmuckdesign geht auf einen Architekten zurück, der alte Schmuckformen/Designs aus dem ganzen Land zusammengetragen hat. Manche Vorlagen sind 1000 Jahre alt!

Und selbst mit einer Italienerin habe ich mich heute auf Finnisch unterhalten!

Die Kaisa, die ich vor 9 Jahren in Dresden als Verkäuferin lappländischen Honigs kennengelernt habe, hat mich in Oulu wieder besucht.
Ich hab schon früher geschrieben, daß sie in einem Stahlwerk in Raahe als Deutschkorrespondentin arbeitet. 
Das Stahlwerk wurde vor wenigen Jahren an Schweden verkauft mit der damaligen Befürchtung, daß es aufgelöst werden könnte.
Es besteht aber weiter und Kaisa sagt: "Wir machen vieles besser als die Schweden."
Da fällt mir Liisas Einschätzung wieder ein: "Die Finnen haben die Ideen und die Schweden machen das Geschäft."
Es kommt aus der Geschichte, die Finnen leben im Wald und die Schweden sind die Seefahrer, die Handel, Geld und Religion in den Norden brachten! Neben der Hanse natürlich!

Die windstille Seenlandschaft sieht immer aus, wie die Soundgrafik beim Sebastian vom Backyard-Studio, wo ich meine CDs aufgenommen habe!

Etwas kitschig, aber das Bild bedient super die plakative Vorstellung von Finnland.
Aber es ist ein sehr schöner Platz auf der Ostseite des Kemijoki!

Noch zwei Seenbilder mit unterschiedlicher Stimmung..

Mein Lieblingshaus auf der diesjährigen Asuntomessut in Kouvola, ein "Tinyhouse" aus Holz mit allen notwendigen Attributen, das leicht überall aufgestellt werden kann. 
Ein sehr einfacher klarer Entwurf.
Letztes Jahr hatte ich ja auch schon einen Entwurf für ein modernes kleines Haus vorgestellt, aber ich denke deshalb nicht, daß man jetzt kleiner bauen sollte!

Es sind einfach moderne Angebote für Menschen, die ebenerdig ohne Treppen, mit geringem Heizaufwand, überschaubarer Putzarbeit und soweit umweltbewußt wie es ins relative Alter paßt, wohnen wollen!
Hätten wir ein entsprechendes Baugrundstück in Deutschland, würde ich für uns eine derart passende Lösung entwerfen.

Das Haus auf dem Photo blieb übrigens nicht wie andere Häuser auf der Messe letztlich stehen, es wurde wieder abgebaut.

Sonnenaufgang irgendwo zwischen Turku und Helsinki.

Auch in der gleichen Gegend eine Straße, die im Navi eingezeichnet war!

Fiskars ist eine berühmte, seit 1649 bestehende finnische Stahl- und Werkzeugfirma. Fiskars heißt der Ort, an dem wegen des Durchflusses des Fiskarinjoki, des Fiskarsflusses, eine solche Firma noch vor der Motorenentwicklung entstehen konnte. Bemerkenswert ist auch hier - wie in der Papierfabrik in Mänttä, übrigens auch im Ruhrgebiet durch die Firmen Krupp und andere Stahlhersteller vor 100 Jahren - mindeste soziale Strukturen geschaffen wurden, die ich mir heute für den Kobalt- und Coltanabbau in Afrika wünschte, um Kinderarbeit und andere unmenschliche Repressionen für unsere gewünschten Elektroautos zu minimieren!
Das Photo zeigt ein Wohngebäude für die Arbeiter um die vorletzte Jahrhundertwende, davon gibt es mehrere.

Rückreise auf der Finnstar, kurz vor Travemünde.

Und so schließt sich der Bogen wieder mit der Ankunft in Travemünde!

Zehn Jahre Finnland!

Hinzufügen möchte ich noch die Formel für den Rückzug der Sonnen-/Schattengrenze nach Juhannis, der Sonnwende, ab Rovaniemi in Richtung Norden.
Ein lieber Kunde, der Mathematiker Herr Dr. Göthel aus Köln, hat sie freundlicherweise ausgearbeitet!

f(d) = 2601,51 * (1 -cos(0,9574*d grad)) 
f sind die Kilometer, d die bis dahin vergangenen Tage, 

Ich freu mich auch über folgenden Satz:
"der Mathematiker Dr. Göthel, der sich jedesmal hocherfreut mit einer Flasche von Herrn Wennings leckerem Olivenöl eindeckt,wenn sich selbiger auf den Kölner Wochenmärkten einfindet, und manchmal wird sogar ein gemeinsames Liedchen zur Gitarre gezupft" :-)

Danke Herr Göthel!

Also in meinem Beitrag auf der DFG-Seite vor 2 Jahren ging ich ja noch naiv von einem linearen Rückzug der Sonnern-/Schattengrenze aus, bis meine Beobachtung in Bervelag an der Barentsee dieses Gedankengebäude einstürzen ließ. Ich hab die Mitternachtssonne immer noch gesehen, obwohl sie mit dem auf der Karte angelegtem Meterstab längst verschwunden hätte sein sollen!
Meine Vermutung war dann damals schon, daß sich die Nordwanderung der Sonnen-Schattengrenze vom Polarkreis bei Rovaniemi ab 21.Juni in einer exponentiellen Funktion darstellen würde und nicht in einer linearen!

Es geht also tatsächlich immer schneller.
Es startet mit ein zwei drei vier Kilometern am Tag, in der Gegend von Aska sind es etwa 11 km am Tag, bei Peurasuvanto etwa 14,5, bei Tormänen um die 18 km, bei Petsikko um die 21 km am Tag, und in der Hammerfest-Gegend schon ca. 24 km am Tag!

Also nix linear!

 



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